Ballhaus (Tanzhaus)

ballhausvorderse„Tanzen gehört zum Leben“ sagte ein französischer Schriftsteller…..

„Tanzen gehört auch zum öffentlichen Leben“ befanden Bürgermeister und Rat der Stadt Lemgo und beschlossen eine von vielen begrüßte Gute Tat: Bau eines Tanzhauses möglichst nahe am Rathaus ….. so geschehen kurz vor dem 30jährigen Krieg (erst seit ca.1800 wurde das Tanzhaus als Ballhaus bezeichnet).

Zunächst mussten zwei vorhandene Häuser aufgekauft werden; das Wappen eines Vorbesitzers (Johann Schapedoit, Arzt) ist heute noch vom Marktplatz aus an der Fassade zu erkennen. Meister Hermann Roleff bekam den Auftrag, beide Häuser miteinander zu verbinden und dadurch Platz für große Festsäle zu schaffen. Die Fassade konnte allerdings mit der des Gürzenichs, des Tanzhauses der Stadt Köln, nicht mithalten. Die Kölner feiern ja besonders gern und erkannten schon 150 Jahre vorher, dass schöne und große Räume zum Feiern, Tanzen und Repräsentieren fehlten; sie leisteten sich dann den bedeutendsten gotischen Profanbau Kölns, statteten ihn mit eindrucksvollen Steinmetzarbeiten aus und zierten ihn mit SchmucktüKaiser hielten dort ihren prachtvollen Hof ab. Verständlich ist, dass man damit auch die Konkurrenten beeindrucken wollte.

Tanzhäuser findet man in vielen deutschen Städten, denn der Bedarf war allgemein: so in Augsburg, Frankfurt a.M., Magdeburg, München, Nürnberg und Rothenburg ob der Tauber.

Natürlich besaß auch unser Landesherr Graf Simon VI. ein eigenes Ballhaus; es lässt sich 1590 nördlich des Braker Schlosses nachweisen. Das gleichzeitig entstandene Gärtnerhaus und die Anlage des Lustgartens zeugen von der erstaunlichen Bautätigkeit, nachdem er 1587 die Residenz von Detmold nach Brake verlegt hatte, im selben Jahr, in dem Elisabeth von Holstein-Schaumburg seinen Sohn Simon VII. zur Welt brachte. Weitere Kinder folgten 1589, 1590, 1592, 1594, 1595, 1598, 1599 und 1601. Seine Wahl 1595 zum Kreisobersten sorgte außerdem dafür, dass er das Ballhaus kaum ausnutzen konnte, denn Reichsangelegenheiten, Türkenkrieg und Rheinfeldzug beschäftigten ihn sehr. Tanzveranstaltungen sind nicht belegt, es gibt lediglich einen Hinweis auf frühe Ballspiele. Und als er 1599 zurückkehrte, ließen ihm die vielen Aufgaben, die in Lippe auf ihn warteten, keine Zeit. Auch bei der großen Festveranstaltung aus Anlass der Kindtaufe des Grafen Philipp am 26.08.1601 mit dem Ringelrennen und mit über 200 vornehmen Gästen, darunter einem Bischof als Paten, wird das Tanzhaus nicht erwähnt.

In fast allen jüdischen Gemeinden Deutschlands waren ebenfalls Tanzhäuser vorhanden (z.T. mit eigenen Tanzlehrern). Die gemeinsame Wurzel ist im Alten Testament zu finden: An über 20 Stellen wird auf die große Bedeutung des Tanzes hingewiesen, der ein allgemeines Zeichen der Freude war: über einen Sieg, zum Freudenfest (David tanzte bei der Überführung der Bundeslade vor ihr her), zur Weinlese usw.

ballhaussinns_01So ist auch der erste Teil des Sinnspruchs zu verstehen, der auf einer Steintafel zu lesen ist, die heute an die Hauswand zur Diebesgasse eingelassen ist: Si deus pro nobis (quis contra nos) – Wenn Gott mit uns ist (wer mag dann gegen uns sein); diese Tafel befand sich früher an der Vorderfront. Der zweite Teil spricht eine Warnung aus, die in den Ohren der Lemgoer an ihren Landesherrn Graf Simon VI. gerichtet war, der den Bau eines eigenen Lemgoer Tanzhauses missbilligt hatte. Das Grundstück des Tanzhauses an der Südseite des Marktplatzes weist die angestrebte bevorzugte Lage auf, deswegen war es schon vorher für andere damals wichtige Aufgaben im öffentlichen Leben der Stadt benutzt worden.

ballhausrueckLeider gibt es keine schriftliche Überlieferung, aber wenn man mit Röntgenaugen bis zu den Grundmauern sehen könnte, würde man feststellen, dass dort das älteste vom Marktplatz aus zu sehende Gebäude stand. Es soll etwa 1325 gleichzeitig mit dem östlichen, nicht sichtbaren Saalbau des Rathauses entstanden sein, denn die vom Marktplatz aus sichtbaren Anbauten auf der Westseite sind abschnittsweise erst später hinzugesetzt worden. Man vermutet hier das „vleschus“ (ähnlich wie im Saalbau das „kophus“ und „schohus“). Es ist nicht bekannt, wann und warum es in private Hände kam. Beide Vorbesitzer, Johann Schapedoit (alias Kording) und der Pottgeiter Statius Frodenowe gehörten zur Lemgoer Oberschicht; ihre Familien hatten Verbindungen mit dem Landesherrn und mit der Kirche.

Der anschließende 30jährige Krieg 1618-1648 hat Lemgo schwer heimgesucht und machte die vorgesehene Nutzung des Tanzhauses unmöglich. Einwohnerzahl und Anzahl der bewohnbaren Häuser sanken auf weniger als die Hälfte; die Wiedererholung dauerte Jahrhunderte. Nach mehreren Umbauten belegte die Stadt das Haus inzwischen mit Ämtern, die im Rathaus keinen Platz mehr fanden, z.B. Stadtkasse, Steueramt, Gefängnis, Sparkasse, Bauamt, Polizeiwache, Ordnungsamt, Meldeamt usw.

Eine Nutzung des 20. Jahrhunderts soll nicht unerwähnt bleiben, weil sie entfernt an die ursprüngliche Aufgabe des Tanzhauses erinnert.

Oben in der Mitte der nördlichen Giebelseite zum Markt befindet sich in einem kleinen Raum der Spieltisch für das Glockenspiel im „städtischen“ Turm von St. Nicolai, das zwar im Allgemeinen einem automatischen Programm folgt, bei besonderen Gelegenheiten aber auch manuell betätigt werden kann. Der Glockenspieler öffnet dann das Fenster, das von zwei kleinen Engelsfiguren eingerahmt wird, jede in einem Apothekenmörser stampfend.

Übrigens ist oben an der nördlichen Giebelwand die Kamera angebracht, die alle 60 Sekunden ein aktuelles Bild des Marktplatzes liefert, das hier abgerufen werden kann.

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